Korsika im August: Bergseen und Gebirgswanderungen statt Küstenhitze
Wer im August zum ersten Mal auf Korsika ankommt und die Küstenstraße zwischen Porto-Vecchio und Bonifacio entlangfährt, wundert sich meist über zwei Dinge: die Hitze und die Blechlawine vor jedem Parkplatz mit Strandzugang. Bei 34 Grad im Schatten und Wassertemperaturen um 25 Grad wirkt das Mittelmeer dort wie ein warmes Bad ohne echte Erfrischung. Die Insel hat aber ein zweites Gesicht, das viele Urlauber gar nicht kennen – das Gebirge im Landesinneren, wo man im Hochsommer noch in Fleecejacke am Seeufer sitzt.
Ein Gebirge mitten im Mittelmeer
Korsika wird oft als "Île de Beauté" beworben, doch treffender wäre "Bergmassiv im Meer". Über 120 Gipfel ragen mehr als 2000 Meter hoch, der Monte Cinto misst 2706 Meter. Diese Topografie sorgt dafür, dass man von der Küste aus in anderthalb bis zwei Autostunden in eine völlig andere klimatische Welt wechseln kann.
In den Bergdörfern wie Corte, Zonza oder Calacuccia liegen die Augusttemperaturen tagsüber oft zehn bis zwölf Grad unter denen an der Küste. Nachts kühlt es in Höhenlagen ab 1500 Metern auf 8 bis 12 Grad ab – für viele Küstenurlauber eine Überraschung, die man aber unbedingt einplanen sollte, wenn man dort übernachtet.
Die schönsten Bergseen zum Auftanken
Lac de Melo und Lac de Capitello
Der Klassiker unter den korsischen Bergseen liegt im Restonica-Tal oberhalb von Corte. Der Lac de Melo (1711 Meter) ist nach etwa 1,5 Stunden Aufstieg über einen gut markierten, aber steinigen Pfad erreichbar und eignet sich auch für einigermaßen fitte Familien. Wer weiterläuft, erreicht nach weiteren 45 Minuten den dramatischeren Lac de Capitello auf 1930 Metern, eingerahmt von schroffen Felswänden, die selbst im August noch Schneereste tragen können.
Das Wasser beider Seen bleibt auch im Hochsommer selten wärmer als 12 bis 15 Grad. Ein kurzes Bad wirkt dort wie ein Reset-Knopf nach der Blechhitze der Küstenstraßen – kurz, schockierend, aber unglaublich erfrischend.
Lac de Nino
Weniger überlaufen, dafür landschaftlich einzigartig ist der Lac de Nino auf 1743 Metern, umgeben von den sogenannten "Pozzines" – sumpfigen Almwiesen, auf denen frei lebende Pferde und Kühe grasen. Der Aufstieg von Calacuccia oder vom GR20-Abschnitt bei Col de Vergio dauert je nach Route zwischen zwei und drei Stunden. Die Weite dieser Hochebene erinnert eher an die Pyrenäen als an eine Mittelmeerinsel.
Lac de l'Oriente
Ein Geheimtipp für alle, die dem Rummel um Melo und Capitello entgehen wollen: Der Lac de l'Oriente liegt versteckter im gleichen Restonica-Massiv, erfordert aber einen anspruchsvolleren, etwa dreistündigen Zustieg mit Kletterpassagen im letzten Abschnitt. Wer trittsicher ist, wird mit fast völliger Stille belohnt, selbst mitten im August.
Wandern zwischen 1000 und 2700 Metern
Korsikas Bergwelt ist vor allem durch den legendären GR20 bekannt, einen der anspruchsvollsten Fernwanderwege Europas mit rund 180 Kilometern Länge und über 10.000 Höhenmetern im Aufstieg. Für den kompletten Weg braucht man 15 bis 16 Tage, viel Kondition und Erfahrung mit Klettersteig-ähnlichen Passagen. Im August ist er zugleich am stärksten frequentiert, da dies die einzige Zeit ohne Schneefelder in den höheren Abschnitten ist.
Wer nicht gleich zwei Wochen einplanen will, kann Teilabschnitte wählen. Besonders empfehlenswert ist die Etappe von Vizzavona nach Bergerie de Capannelle, die auch als Tagestour machbar ist und großartige Blicke auf das Tal des Vecchio-Flusses bietet. Auch die Umgebung von Bavella mit ihren markanten Felsnadeln – den "Aiguilles de Bavella" – bietet Tagestouren zwischen drei und fünf Stunden, ganz ohne mehrtägige Gepäcklogistik.
Weniger bekannte Routen abseits des GR20
Der Mare a Mare Nord und der Mare a Mare Centre queren die Insel von Küste zu Küste, führen aber überwiegend durch mittlere Höhenlagen zwischen 400 und 1200 Metern – ideal für alle, die Bergluft wollen, aber keine alpinen Ambitionen haben. Diese Wege sind deutlich ruhiger als der GR20 und bieten trotzdem echte Abwechslung zum Küstenprogramm.
Für die Planung einer Bergtour im August lohnt sich diese Checkliste:
- Früh starten: Ab 6 oder 7 Uhr losgehen, um die Mittagshitze auch in mittleren Höhenlagen zu vermeiden
- Mindestens zwei Liter Wasser pro Person einplanen, Quellen sind nicht überall zuverlässig
- Festes Schuhwerk mit gutem Profil, viele Pfade bestehen aus glattem Granit
- Auch bei Sommerhitze eine leichte Jacke einpacken, oberhalb von 1800 Metern kann es windig und kühl werden
- Wettervorhersage für die Berge separat prüfen, Gewitter bilden sich im August oft schon am frühen Nachmittag
- Parkplätze an beliebten Ausgangspunkten wie Restonica sind ab 8 Uhr meist schon voll
Übernachten im Bergland
Wer der Küste für ein oder zwei Nächte komplett den Rücken kehrt, findet in Corte eine gute Basis mit Restaurants, kleinen Hotels und Zugang zum Restonica- und Tavignano-Tal. Alternativ bieten die "Gîtes d'étape" entlang der Wanderwege einfache, aber authentische Übernachtungen mit Halbpension – Reservierung im August ist allerdings Pflicht, oft schon Wochen im Voraus.
Wer campen möchte, sollte wissen, dass wildes Zelten auf Korsika offiziell nicht erlaubt ist, in der Nähe der Berghütten (Refuges) aber toleriertes Biwakieren oft möglich ist. Die Refuges selbst, etwa Manganu oder Petra Piana, bieten einfache Schlafplätze und sind im August meist ausgebucht, wenn man nicht vorbucht.
Der Vorteil gegenüber der Küste
Neben der reinen Abkühlung bietet das Bergland auch spürbar weniger Tourismusdichte. Während sich an der Costa Serena oder in Palombaggia am Vormittag schon die Handtücher stapeln, trifft man auf einem Bergpfad um zehn Uhr morgens vielleicht zwanzig andere Wanderer auf drei Kilometern Weg. Diese Ruhe, kombiniert mit alten Kastanienwäldern, Granitformationen und smaragdgrünen Seen, macht das korsische Hinterland im August zur besseren Wahl für alle, die dem Massenbetrieb am Strand entkommen wollen, ohne die Insel zu verlassen.
Eine gute Strategie für einen zweiwöchigen Urlaub: die erste Woche an der Küste für Strand und Meer, die zweite Woche im Bergland für Wanderungen und kühle Seen. So bekommt man beide Seiten Korsikas zu sehen – und merkt schnell, welche einem persönlich mehr zusagt.